Die etwas sperrige Institutsbezeichnung resultiert aus der Anfang des Jahres vollzogenen Integration der Büsumer „Gesellschaft für Marine Aquakultur“ (GMA) in die Fraunhofer-Gesellschaft mit derzeit 76 Instituten und Forschungseinrichtungen. „Die Fraunhofer-Gesellschaft gilt als größte europäische Einrichtung für angewandte Forschung mit weltweitem Renommee – das ist schon ein Ritterschlag für uns“, betont Schulz, der zuvor wissenschaftlicher Leiter der GMA war. Der Name fällt weg, die Forschung hin zu einer umweltgerechten Aquakultur geht weiter, betont der Professor. Dabei verfolgen die Forscher:innen vor allem drei Schwerpunkte: Entwicklung alternativer Fütterungsstrategien, Konzeptionierung umweltgerechter Haltungssysteme sowie Beurteilung von Fischgesundheit und -wohl in Aquakultursystemen.
Nach aktuellen Schätzungen dürfte die Weltbevölkerung die Marke von acht Milliarden Menschen noch in diesem Jahr übersteigen. Die Vereinten Nationen erwarten einen weiteren Anstieg auf rund 10,4 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2080. Damit allerdings käme das Wachstum tatsächlich zum Stillstand, schon heute sehen Forscher einen langsameren Anstieg der Weltbevölkerung. Trotzdem wollen all diese Menschen ernährt werden – unter anderem mit Fisch. Der Bestand in Meeren, Flüssen und Seen jedoch ist begrenzt. Ein Lösungsansatz liegt in der Aquakultur, also in der kontrollierten Produktion bzw. Erzeugung von Wasserorganismen, wie Fische, Muscheln, Krebstiere oder auch Algen. „Vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung mit wachsendem Fischbedarf ist auch die Aquakultur von wachsender Bedeutung. Denn mit der aktuellen Fangmenge von 85 bis 90 Millionen Tonnen pro Jahr sind wir am Limit“, erklärt Carsten Schulz, Professor für Marine Aquakultur an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Direktor der Fraunhofer-Einrichtung für Individualisierte und Zellbasierte Medizintechnik (IMTE), Außenstelle Aquakulturforschung Büsum.
Neuer Fraunhofer-Standort in Büsum
Lassen sich Raubfische zu Vegetariern machen?
Dabei stellt die Entwicklung alternativer Fütterungsstrategien die Forscher vor besondere Herausforderungen. So bevorzugen Raubfische ihrerseits Fisch als Nahrung. Doch Fisch oder Fischmehl zu verfüttern, ist kontraproduktiv angesichts begrenzter Fischbestände. „Wir brauchen also Alternativen und die suchen wir im pflanzlichen Bereich“, erklärt Schulz. Im Grunde wollen die Forscher:innen Raubfische schlicht zu Vegetariern machen. Es gibt nur ein Problem: Fische können die in den Pflanzen vorhandenen Nährstoffe oft nicht verwerten. „Wir experimentieren mit verschiedenen Pflanzen, wie Weizen oder Raps, müssen aber auch diese unter Umständen noch durch Zusatzstoffe ‚aufbereiten‘.“
Was die generelle Entwicklung des natürlichen Fischbestands betrifft, so ist der Professor durchaus optimistisch. „Der Anteil an überfischten Gebieten ist aktuell rückläufig. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt und sprechen nun von einer vorsichtig-positiven globalen Entwicklung.“ Aber natürlich gebe es immer noch Problemzonen, schränkt er ein.
BaMS treibt nachhaltige aquatische Kreislaufwirtschaft voran
Doch das ökologische Bewusstsein wächst. Um das Bewusstsein speziell für die blaue Bioökonomie weiter voranzubringen, ist die Fraunhofer-Einrichtung IMTE Mitglied im Verein Bioökonomie auf Marinen Standorten, kurz BaMS. Unter Leitung der Christian-Albrechts-Universität Kiel und gefördert mit 20 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, haben sich Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammengeschlossen und entwickeln seit 2019 Lösungsansätze für eine nachhaltige aquatische Kreislaufwirtschaft. „Dazu haben wir 14 Querschnitthemen identifiziert, die wir in unterschiedlichen Verbundprojekten verfolgen“, erklärt Schulz, der die Position des 1. Vorsitzenden innehat. So geht es im Projekt BioFiA etwa um Bioindikatoren zum Überwachen der Fischgesundheit in Aquakultur, BALI erforscht Bioraffinieriekonzepte für algenbasierte Inhaltsstoffe und Aquator widmet sich der Entwicklung eines Business Accelerators für die Blaue Bioökonomie.
Weltmarktführer aus Lübeck
Schließlich ist die Bedeutung der maritimen Wirtschaft nicht zu unterschätzen, betont der Professor. Das gilt auch für die Metropolregion Hamburg. „Wir haben die gesamte Prozesskette im Blick – vom Weizenkorn bis zum Endprodukt. Und da sehen wir in Norddeutschland eine Wertschöpfung mit wachsender Tendenz: Ob in der Futtermittelindustrie, der Verarbeitung sowie der Herstellung der hierzu benötigten Maschinen und Geräte.“ Tatsächlich reicht die Bedeutung einiger Unternehmen weit über die Region hinaus. Die Lübecker Baader GmbH etwa gilt als einer der Weltmarktführer für Fischbearbeitungsmaschinen.
ys/sb